Die islamische Tradition der Bosniaken in Deutschland

Rede des Verbandspräsidenten Edin Atlagic anlässlich der Feierlichkeiten zur Eröffnung des islamischen Gemeindezentrums in Stuttgart am 10.05.2015:

In jeder Epoche der Geschichte der Menschheit begegnen sich Völker, die sich durch etwas unterscheiden. Es handelt sich hier um die Grundzüge menschlicher Existenz, die sich in dem Willen Gottes wiederspiegelt, den Menschen als Wesen mit der Freiheit des Geistes auszustatten, und ihm die freie Wahl zu geben, seinen Weg zu gehen und anderen zu begegnen.

Auch bedarf es der sehr weltlichen Feststellung, das wir alle das Bedürfnis haben von anderen so anerkannt zu werden, wie wir sind, ob dies nun den Glauben, die Kultur oder die Tradition betrifft.

Die Fähigkeit, andere Menschen genau auf diese Art und Weise zu betrachten, finden wir hier in unserer Gesellschaft in Deutschland vor. Einer Gesellschaft, die sich in der Vergangenheit ernsthaften Herausforderungen gegenüber sah und die nun aufzeigt, dass dieser Weg der einzig Richtige ist.

Wir sind heute hier – in Stuttgart – Zeugen eines bedeutenden Ereignisses. Sowohl für die Muslime als auch für unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger haben in ihrer großherzigen Seele auch für uns Muslime Platz gefunden. Sie haben uns ihre Tore geöffnet, uns aufgenommen und uns Schutz geboten. Sie haben uns Raum und Freiheit gegeben, unseren Glauben auf angemessene Art und Weise zu praktizieren.

Groß ist unser Dank für diese weltliche Beachtung und Hilfe, die sie uns haben zukommen lassen, aber auch für die Großherzigkeit ihrer Seelen, die sie damit an den Tag gelegt haben.

So wie es die Bosniaken als Volk schon immer kollektiv getan haben, so drücken wir auch heute unsere große Hochachtung vor dem Glauben und der Tradition des Deutschen Volkes aus. Die Offenheit gegenüber anderen und die Bereitschaft den anderen zu achten und anzuerkennen, beweist die Vitalität dieses großen Volkes.

Die Bosniaken sind ein kleines Volk. Im Mittelalter noch das staatstragende Volk des slawischen Königreichs Bosnien, waren sie später – Jahrhunderte lang – Teil des islamisch geprägten Osmanischen Reiches, im Anschluss daran auch Teil von westlich und christlich geprägten Staatsformen und Zivilisationen, angefangen mit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

In all diesen geschichtlichen Epochen zeigten sie sich aufgeschlossen und loyal, und leisteten einen wertvollen Beitrag für das Gemeinwesen. Es verwundert daher nicht, ganz gleich in welches Land dieser Erde sie das Schicksal auch verschlagen hat, dass sich die Bosniaken der heutigen Zeit in ihr neues Lebensumfeld nachweislich vorbildlich integriert haben. Es handelt sich hier um eine historisch erlernte Integrationsfähigkeit.

Die besondere Lage unserer Heimat zwischen Ost und West stellte uns dabei oft vor große Herausforderungen. Insbesondere in der jüngeren Vergangenheit sahen sich die Bosniaken mit großem Unrecht konfrontiert, als sie Anfang der neunziger Jahre ihre vollständige und systematische Vernichtung vor Augen hatten. Der Völkermord von Srebrenica, der sich in diesem Jahre zum 20. Mal jährt – im Angesicht der gesamten Weltöffentlichkeit – war die Kulmination dieser schrecklichen Ereignisse.

Diese geschichtlichen Schicksalsschläge haben uns jedoch zu keinem Zeitpunkt beirren können. Werten wie Frieden, Freiheit, Toleranz und Pluralismus fühlten wir uns zu sehr verpflichtet. Denn diese Werte wurden uns Jahrhunderte lang – basierend auf islamischen Grundprinzipien – durch unsere geistlichen Führer, aber auch durch wahrhaft islamisch denkende und handelnde Staatsmänner vorgelebt.

Noch heute zeugt davon im Franziskanerkloster des bosnischen Städtchens Fojnica die sog. Ahdnama. Eine Urkunde, mit welcher der osmanische Sultan Fatih vor mehr als 500 Jahren den Katholiken in Bosnien-Herzegowina volle Religions-, Eigentums- und Bewegungsfreiheit gewährte und zusicherte. Auch waren es damals Muslime, die jüdisches Leben in unserer Heimat durch die Aufnahme der Vertriebenen aus Spanien möglich machten.

Ein Miteinander und Zusammenleben – geprägt von interkultureller Vielfalt – konnte so in Bosnien-Herzegowina inmitten unseres Europäischen Kontinents Jahrhunderte lang gedeihen und blühen. Städte wie Sarajewo oder Mostar sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Darauf können wir mit Recht verweisen und darauf können wir mit Recht stolz sein.

Hier in Stuttgart, in Deutschland, wie auch in der gesamten westlichen Welt, sind diese Werte elementarer Bestandteil des Gemein- und Gesellschaftswesens. Es liegt daher umso mehr in der Verantwortung der Muslime, diese Werte und Errungenschaften zu schützen und für diese unmissverständlich einzustehen.

Auch dieses islamische Gemeindezentrum hier in Stuttgart werden wir in den Dienst der Vermittlung dieser universellen Werte stellen.

Neben der Bewahrung unserer Identität wird dieses Zentrum darauf hinwirken, Verantwortungsbewusstsein, Empathie und die Bedeutung von Bildung zu vermitteln. Unser Handeln wird dabei stets auf einem zeitgemäßen Islamverständnis und einer vernunftorientierten Gläubigkeit aufbauen, im Geiste der islamischen Tradition der Bosniaken.

Dadurch wird die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland auch hier in Stuttgart aufzeigen, dass sie einen wesentlichen Pfeiler des Glaubens, der Integration, des Friedens und des Miteinanders im Kreise der großen, europäischen Völkergemeinschaft darstellt.

 „Der Beste unter Euch ist derjenige, der anderen Menschen von Nutzen ist“,

lautet ein Leitsatz unseres Propheten. Dieser Gesellschaft und all unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern wollen wir von Nutzen sein.

Den Vertretern der Katholischen und Evangelischen Kirche sowie der Vertreterin der Israelitischen Kultusgemeinde wurde im Anschluss eine Abbildung der Ahdnama-Urkunde als Präsent durch den Verbandspräsidenten überreicht.

Quelle: http://igbd.org/?p=8825